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News

Neuigkeiten von der Emscherinsel

Aus: Jahrbuch Oberhausen 2012, Helen Sibum

Foto: Roman Mensing

Elefant im Elfengewand

Der lange Weg zur Rehberger-Brücke

Brückentage sind was Feines - sie ziehen ein ganz normales Wochenende auf geradezu köstliche Weise in die Länge. Dass auch der Bau der Rehberger-Brücke doppelt so lange dauern würde wie geplant, ahnte indes wohl niemand, als die Verantwortlichen die Pläne im Mai 2009 erstmals öffentlich machten. Die Euphorie war groß: Anlässlich des Kulturhauptstadtjahrs 2010 sollte ein begehbares Kunstwerk entstehen, eine Brücke über den Kanal auf Höhe des Oberhausener Kaisergartens, gestaltet vom renommierten Bildhauer Tobias Rehberger. Kostenpunkt: rund fünf Millionen Euro, getragen von EU, Land und Emschergenossenschaft. Letztere wollte die Brücke zum Aushängeschild ihrer „Emscherkunst 2010“ machen. Entlang des Emscherstrands hatte man weitere Arbeiten in Auftrag gegeben - im Hinterkopf stets den Traum, die einstige Kloake zu einer lebenswerten Flusslandschaft aufzumöbeln. Wo sonst hätte das Prunkstück jener Emscher-Expo besser hingepasst als an den alten Emscherarm, der sich durch den beliebten Kaisergarten schlängelt?


Doch vom Timing her war das Vorzeigeprojekt Rehberger-Brücke ein Schlag ins Wasser - zuerst ging die Emscherkunst, dann das ganze Kulturhauptstadtjahr zu Ende, ohne dass je ein Spaziergänger einen Fuß auf die Brücke gesetzt hätte. Schwierigkeiten gab es gleich an zwei Fronten. Zum einen war da der Entwurf selbst - geschaffen von einem Künstler, der, wie er freimütig einräumte, von Brückenbau zu Beginn seines Engagements nicht die leiseste Ahnung hatte. Entsprechend ambitioniert kam seine Idee daher: Eine Flanier-Spirale wollte Rehberger entstehen lassen, inspiriert vom amerikanischen Kinderspielzeug „Slinky“, jener Metallfeder, die sich weit spannend und vibrierend in die Länge werfen lässt. „Slinky springs to fame“ - so lautete der wenig griffige Titel, den Rehberger seinem Entwurf gab. Leichtfüßig, federnd, ja fast schwerelos sollte seine Brücke wirken - eine harte Nuss für die Ingenieure, die bei der Umsetzung ganz irdischen Aspekten wie Statik und Schwerkraft verpflichtet waren.


Mike Schleich vom federführenden Ingenieurbüro aus Stuttgart machte keinen Hehl daraus, dass um viele Details gerungen werden musste. Gleichwohl: Irgendwo zwischen künstlerischer Vision und Machbarkeit fand man letztendlich zueinander. Eleganz und Lebendigkeit seines Entwurfs seien bei allen Zugeständnissen erhalten geblieben, zeigte sich Tobias Rehberger bei einem Ortstermin in Oberhausen Pfingsten 2010 zufrieden. Zu keiner Zeit habe er daran gedacht, die Brocken hinzuwerfen, so der schwäbische Kreative mit Professur an der Frankfurter Städelschule. Und auch die Ingenieure waren beglückt: 62 frei schwingende Meter sollten sie am Ende präsentieren können - ein elfenhaftes Bauwerk mit der Belastbarkeit eines Elefanten. Möglich war das nur mit Hilfe einer speziellen Spannband-Konstruktion mit zwei parallel verlaufenden, lediglich 30 Millimeter dicken Stahlblechen - die dem Projekt allerdings wiederum manche Stolperfalle bescherten: Das Spannband musste vom Wasser her kommen, per Schiff eingeschwommen werden. Dafür freilich war man auf gutes Wetter angewiesen. Mehrfach wurde der Termin für den Transport verschoben.


Das zweite, weniger vorhersehbare Problem, bestand in der Beschaffenheit des Bodens. Überrascht sei man von dessen Unwägbarkeit gewesen, von der Zerklüftung durch Bergsenkungen, Kampfmittelsuche und andere Einflüsse, so die Verantwortlichen. Die Gründungsarbeiten zogen sich in die Länge, das Projekt geriet schon im Anfangsstadium aus dem Zeitplan. Doch auch im unfertigen Zustand kam die Brücke bereits zu einem gewissen Ruhm - als Teil einer Ausstellung zur Gartenbaukunst in der Ludwig Galerie, bei der die im Entstehen begriffene Brücke und der Kaisergarten gewissermaßen als Großexponate unter freiem Himmel präsentiert wurden. Der Blick auf die Arbeiten im Schlosspark war Teil des Rundgangs durch die Ausstellung. Gerne hätte man mit dem Ende der Schau im Mai 2010 die Brücke ihrer Bestimmung übergeben.


Allein: Von der Fertigstellung war man damals noch weit entfernt. Es sollte noch mehr als ein Jahr ins Land gehen, bis alle Unwägbarkeiten umschifft und all die künstlerischen Details erfolgreich umgesetzt waren. Wie genau Tobias Rehberger es mit seinem Werk nahm, zeigt die Geschichte der Farbgebung des strahlend-gestreiften Überwegs. Viel Zeit nahm sich der Künstler, für den Belag ein Material zu finden, das seinen Vorstellungen entsprach. Letztlich fiel seine Wahl auf einen tartanartigen, gepolsterten Boden, wie man ihn auf Spielplätzen findet. Auch was die Farben und deren Anordnung anging, hatte Rehberger sehr genaue Ideen. Und - wiederum eine respektable Herausforderung für diejenigen, die die Vorgabe umzusetzen hatten: Der Anstrich an der Unterseite sollte exakt dieselben Nuancen aufweisen wie das Material obenauf.


Jener Belag war die Schlussnote der Komposition, die die Brückenbauer in Musik zu übersetzen suchten - nur dieser Belag fehlte noch, als die Emschergenossenschaft zu Jahresbeginn 2011 verkündete: „Wir sind so weit durch.“ Weil es für das Auftragen des Belags frostfreies Wetter brauchte, sollte es Juni 2011 werden, bis der künstlerische Brückenschlag, der lange Zeit ein Grenzgang war, als gelungen gefeiert werden konnte.


An einem Sonntag Ende Juni 2011 also, die langen Brückentage gewissermaßen im Rücken, schritten die Erstbegeher über das Bauwerk, dessen Entstehung viele von ihnen beim Spaziergang durch den Kaisergarten mit Neugier und gespannter Erwartung verfolgt hatten. Zumal nicht jeder so recht wusste, was dort eigentlich zwischen den Bäumen des Kaisergartens auf so merkwürdig-gewundene Art in den Himmel wuchs. Eine Achterbahn?


Nun, achterbahnartig geht es auf der Rehberger-Brücke nicht zu, in Bewegung ist sie aber dennoch. Ein deutlich spürbares Schwingen haben die Konstrukteure dem Kunstwerk mitgegeben, ganz wie vom Schöpfer gewünscht. Den Gästen der Eröffnung und all denjenigen, die es ihnen in der Folgezeit zu Fuß oder mit dem Fahrrad nachtaten, zauberte das meist ein Schmunzeln aufs Gesicht. Die Alltagsnutzer waren angetan und auch die Presse lobte die ungewöhnliche Flaniermeile. Rehbergers Brücke sei „der beste Manipulator der Sinne seit der singenden Schlange Kaa“, befand das Kunstmagazin „Monopol“. Schöner als frei schwebend in zehn Metern Höhe zwischen Baumkronen könne ein Spazierweg kaum angelegt sein, schwärmte nach ihrem Besuch in Oberhausen die Autorin der Süddeutschen Zeitung, und auch die „Welt“ fand, Spaziergänger könnten dort oben das Gefühl für die Zeit verlieren wie Kinder im Spiel.


Beifall gab es nicht nur für das Werk selbst, sondern auch für die Art und Weise, wie es sich in seine Umgebung einfügt. Wer in Richtung Kaisergarten aus dem Kleinen Schloss heraustritt, wird unmittelbar auf die kurvenreiche Rampe hoch zur Brücke geführt. Die Bäume um die Rampe herum hat man - so weit als möglich - an ihrem Platz belassen. Sie tragen zu eben jenem Eindruck bei, den die von außerhalb angereiste Journaille ihren Lesern schilderte: den einer zauberhaft anmutenden, acht Meter hohen Galerie durch altes Gehölz und über ein geschichtsträchtiges Gewässer. Und weil alles ein Ende hat, Brücken bekanntermaßen sogar zwei, sollen die Bereiche an den Füßen der Brücke zum Aufenthalt einladen. „Kanalplatz“ war der Arbeitstitel für die Örtlichkeit auf der Kaisergartenseite, deren Gestaltung allerdings noch eine Weile länger dauern sollte als die der Brücke selbst.


Begeisterung allerorten also? Fast. Über eine Brücke, die „von nirgendwo nach nirgendwo“ führt, schimpften einzelne in erfrischend pragmatischer Betrachtungsweise. Vor allem beim benachbarten Fußballverein Rot-Weiß Oberhausen, der gerade ein Eindampfen der Umbaupläne seiner Anlagen hatte hinnehmen müssen, fühlte man sich angesichts des „Verpulverns von Steuergeldern“ übervorteilt. Auch Oberhausens Kämmerer äußerte zum Ende seiner Amtszeit leise Zweifel am spaziergängerischen Selbstzweck des millionenschweren Baus. „Nein, diese Brücke benötigt man nicht wirklich“, sagte Bernhard Elsemann, durchaus bekannt als Freund von Kunst und Kultur, angesprochen auf das Projekt. Auch wenn das Geld nicht aus dem Etat der klammen Stadt stamme, handele es sich doch um Geld der Allgemeinheit.


Wie die in Zukunft darüber urteilen wird? So viel jedenfalls schien nach der Eröffnung klar: Bis die Leute der bunten, schwingenden Brücke überdrüssig werden, dürfte noch reichlich Wasser den Kanal hinunterfließen.

Foto: Roman Mensing


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Die Rehberger-Brücke in Zahlen:

„Slinky springs to fame“ ist inklusive der gewundenen Rampen 406 Meter lang, die Stahlkonstruktion wiegt 115 Tonnen. Genau 496 Spiralen umgeben in ganz unterschiedlichen Abständen und Winkeln das Grundgerüst. Rund 1084 Quadratmeter des bunten Spielplatzbelags wurden auf dem Brückenboden verarbeitet. Im Mai 2009 stellten die Verantwortlichen das Projekt erstmals vor, am 26. Juni 2011 war Eröffnung. Die Emschergenossenschaft übernimmt 20 Prozent der Investitionskosten von rund fünf Millionen Euro. 80 Prozent kommen vom Land Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union.