Streifzüge durch den öffentlichen Raum

 

Um die Emscherkunst zu sehen, braucht man, anders als bei vielen anderen Ausstellungen und Schauen, nicht einen Schritt ins Museum setzen, sondern muss sich lediglich ins Freie begeben und schon stolpert man mitunter zufällig über eines der vielen Kunstwerke, welche die Ufer der Emscher im ländlichen wie im urbanen Raum säumen. Diese Form der Kunst, die auf den musealen Kontext verzichtet und die Besucher vielmehr dort abholt, wo sich ihr Leben abspielt, kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Kurator und Kunstprofessor Florian Matzner erörtert, was mit öffentlichem Raum überhaupt gemeint ist und ermöglicht einen Einblick in die historische Entwicklung von Kunst im öffentlichen Raum:

«Mit „Kunst im öffentlichen Raum“ – für die der amerikanische Sprachgebrauch den deutlicheren Begriff der Public Art, der öffentlichen Kunst also, bereithält – bezeichnet man gemeinhin Werke im Außenraum, die keinem musealen oder einem, wie auch immer gearteten, institutionellen Kontext verpflichtet sind. Mit Außenraum ist allerdings nicht einfach der Gegensatz zum White Cube des Innenraums gemeint: Wichtig ist hier die Spezifizierung als so genannter „öffentlicher“ Raum. Einen Acker im Allgäu oder einen Strand an der Nordsee wird man schwerlich als öffentlichen Raum bezeichnen können, sondern schlichtweg als „Gegend“ klassifizieren.

 

SATISFY ME von Monica Bonvicini zur Emscherkunst 2010

SATISFY ME rief die italienische Künstlerin Monica Bonvicini 2010 auf einer Anhöhe der Zentraldeponie Emscherbruch der Landschaft entgegen. Foto: Roman Mensing, Emscherkunst

 

Insofern ist der öffentliche Raum weniger ein geographisch oder topographisch spezifizierter Ort, als vielmehr ein sozialer und psychologischer Zustand oder – im künstlerischen Sinne – ein Erzählraum, der konkreten architektonischen und historischen sowie gesellschaftlichen Bedingungen unterliegt. Dem White Cube des Museums als Ausstellungsort von autonomer Kunst steht also – so könnte man überspitzt formulieren – der Dirty Space der Stadt als Austragungsort der öffentlichen Kunst gegenüber.

„Das Kunstwerk wird nicht an einem Ort aufgestellt, der Ort selbst ist das Kunstwerk.“

Der Künstler Robert Smithson äußerte sich wohl als erster zu dem Schlagwort Ortspezifik. Denn auch die öffentlichen Austragungsorte der Kunst haben sich in den vergangenen 40 Jahren erheblich verändert und innerhalb urbaner Strukturen grundlegend verschoben: Waren die 1960er- und 1970er-Jahre geprägt von Minimal Art, Land Art und Concept Art und autonomen Interventionen von Donald Dudd und Robert Smithson oder Richard Serra und Claes Oldenburg, so zeichnete sich Anfang der 1980er-Jahre ein grundsätzlicher Wandel ab. Man propagierte zunehmend die Ortsspezifik eines Kunstwerks, das in einem konkreten Bezug zum architektonischen, urbanen und historischen Kontext seines Aufstellungsortes steht und einen Dialog zwischen „site“ und „work“ herstellt, so dass ein bisher aussageloser Ort zum „Sprechen“ gebracht wird.

Kunst im Dialog zwischen Ort und Publikum

Seit Mitte der 1990er Jahre kommt zu der Ortsspezifik die – sagen wir – „Publikumsspezifik“ hinzu, das heißt der Versuch der Künstler, mit konkreten gesellschaftlichen Gruppen zu arbeiten, sie in den Entstehungs- und Realisierungsprozess mit einzubeziehen. Erst durch einen hohen partizipatorischen Anteil, durch den aktiv teilnehmenden und eingreifenden Rezipienten wird das Kunstwerk vollendet. Bewusst werden hier nicht prominente Stellen oder Plätze in der Stadt gewählt, sondern Unorte, No-Places, die oftmals bis dato keine urbane oder soziale Funktion hatten.

 

BREAKING NEW von Anna Witt und Uglycute, 2013, (c) Roman Mensing

BREAKING NEW von Anna Witt und Uglycute, 2013, (c) Roman Mensing

 

Hier setzte zum Beispiel auch die junge, in Wien lebenden Künstlerin Anna Witt an, die bei der Emscherkunst im Sommer 2013 ganz bewusst ihr Projekt in einem sozialen Brennpunkt realisierte: Im Stadtteil Marxloh der Ruhrgebietsstadt Duisburg hat sie in Kooperation mit der Bevölkerung vor Ort ein auf den ersten Blick skurril anmutendes Projekt mit dem Titel Breaking New umgesetzt: Der tägliche Sperrmüll, den die Anwohner abends auf die Straße gestellt hatten, hat sie durch ein Team von nomadisierenden Handwerkern und unter der ästhetischen und konzeptuellen Aufsicht der schwedischen Designer-Gruppe Uglycute zu neuen Möbeln und anderen Funktionsobjekten „recyceln“ und so geradezu veredeln lassen: der Ideologie des Wegwerfens setzte sie – auch augenzwinkernd – eine Strategie der Nachhaltigkeit gegenüber.

Im Sinne dieser „Publikumsspezifik“ treten also Künstler, Kunst und Publikum in ein neues, anderes Rezeptionsverhältnis, in der der Künstler zum Moderator einer nicht immer kalkulierbaren sozialgesellschaftlichen Situation wird – einer Situation, die mit einem erheblichen Restrisiko behaftet und deren Ende offen ist.»

Florian Matzner

 


Der vorliegende Text ist die überarbeitete, aktualisierte und gekürzte Fassung mehrerer Beiträge zum Themenkomplex Public Art für den Katalog PubliCity – Constructing the Truth, Söke Dinkla (Hg.), Nürnberg 2006, S. 18-21 sowie für den Sammelband Bild und Bildung, Lutz-Sterzenbach, Barbara u.a. (Hg.), München 2014, S. 497-504.