Transformation einer Landschaft

Pressemitteilung vom 4. Juni 2016

Internationale Kunst an den Ufern der Emscher

Dortmund/Ruhrgebiet, 3. Juni 2016. Die internationale Ausstellung Emscherkunst 2016 zeigt vom 4. Juni bis 18. September 2016 zeitgenössische Positionen der Kunst in Natur und Stadt mitten im Ruhrgebiet. Dabei rückt der Landschaftsraum zwischen Holzwickede, Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herne in den Fokus – verbunden durch einen 50 Kilometer langen Parcours entlang der Emscher. KünstlerInnen u. a. aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Kanada und den Niederlanden zeigen ihren Blick auf eine Landschaft im Wandel: Die Verwandlung der ehemaligen „Cloaca maxima“ Emscher hin zu einem naturnahen Fluss – eines der größten Infrastrukturprojekte Europas. Reizvolles Projektionsfeld für die zur Emscherkunst 2016 eingeladenen KünstlerInnen wie atelier le balto, Benjamin Bergmann, Massimo Bartolini, Henrik Håkansson, Studio Orta, Roman Signer, Superflex oder Tobias Zielony. Mit 30 Studierenden der Kunstakademie Münster gibt es erneut eine Einbindung der jungen Kunstszene.

Seit der ersten Emscherkunst im Jahr 2010 zieht sich das Motiv der Zerstörung und Transformation der ehemaligen Industrielandschaft entlang der Emscher wie ein roter Faden durch das Konzept von Kurator Prof. Dr. Florian Matzner. Der Leitsatz der Kulturhauptstadt RUHR.2010 „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ war gleichzeitig auch eine ideale Aufgabenstellung für die erste Schau der Emscherkunst. Für die zweite Edition 2013 setzte Kurator Matzner deutliche Impulse mit den Themen „Ökologie und Klimawandel“ sowie den Fokus auf soziale Spannungsfelder wie in Duisburg-Marxloh.

Die sich wandelnden Ausstellungsräume entlang der Emscher verlagern sich in ihrer West- bzw. Ostausrichtung innerhalb der Ruhrregion. Zudem verändert sich die Akzentsetzung. Das Motto der Emscherkunst 2016 lautet „Entdecke die Kunst – erlebe die Veränderung.“ Die von Florian Matzner gemeinsam mit den Co-Kuratorinnen Katja Aßmann (Künstlerische Leiterin Urbane Künste Ruhr) und Dr. Simone Timmerhaus (Emschergenossenschaft) eingeladenen KünstlerInnen schaffen einen Dialog mit dem neu entstehenden Ruhrgebiet.

Verwandeln, verändern, verstören
24 aktuelle Positionen der zeitgenössischen Kunst sind 100 Tage lang im Landschafts- und Stadtraum entlang der Emscher zu erleben: Neben neun Arbeiten, die aus den Jahren 2010 und 2013 übernommen werden, aber teils in einen neuen Kontext gesetzt werden, interpretieren 15 neue Arbeiten die Transformation der Landschaft: Sie stehen teils in der Tradition der Land Art (wie die fast schon brutalistisch anmutende Installation „Wellenbrecher“ von Nevin Aladağ) oder sind überraschende Landschaftseingriffe („Kunstpause“ von atelier le balto, „Zur kleinen Weile“ von raumlabor) .

Manche spielen mit althergebrachten Traditionen (augenzwinkernd wie Benjamin Bergmanns „Chiosco“ oder fatalistisch wie Massimo Bartolinis „Black Circle Square“, übrigens auch eine Reminiszenz an Kasimir Malevitchs „Schwarzer Kreis“). Oder sie setzen sich mit soziokulturellen Entwicklungen der sich radikal verändernden Lebensräume auseinander (Henrik Håkanssons „The Insect Societies (Part 1)“, Erik van Lieshouts „Die Insel“). Auch dem deutschen Fotograf und Filmer Tobias Zielony geht es in seinem Film über eine tamilische Fußballmannschaft darum, die „beiläufige Form des Sozialen“ einzufangen.

Einen partizipativen Ansatz verfolgt das Studio Orta mit seiner dreiteiligen Skulpturenserie „Spirits of the Emscher Valley“, die bei der Ideenfindung auf die Mitwirkung von Anwohnern setzten. Auch Clea Stracke und Verena Seibt realisieren ihre Arbeit „ARCA“ unter Teilnahme der BesucherInnen, wenn sie Brüche der Landschaft u.a. malerisch dokumentieren. Einen Blick in die Zukunft wirft Natalie Jeremijenko mit ihrer „Urban Space Station“, mit der sie einem Raumschiff gleich Szenarien künftigen nachhaltigen Wohnens skizziert.

Weitere KünstlerInnen der Emscherkunst 2016
Die dänische Gruppe Superflex installiert mitten in der Emscher einen Brunnen aus Abwasser, der Schweizer Konzeptkünstler Roman Signer – mit 78 Jahren der erfahrenste Teilnehmer – lässt mit seiner Installation „Analyse“ an der Emscher in Recklinghausen/Herne täglich die Zusammensetzung des Abwassers kommentieren. Janet Cardiffs und Georg Bures Millers Soundinstallation „Forest (for a thousand years)“ ist die einzige Arbeit, die nicht explizit für die Emscherkunst entstanden ist und bereits einmal gezeigt wurde (dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel). Sie wird durch das Künstlerduo dem Landschaftsraum entlang der Emscher angepasst.

Junge Szene – frischer Blick
Unter der Leitung von Prof. Ferdinand Ullrich realisieren 30 Studierende der Kunstakademie Münster im Umfeld des Dortmunder Unionviertels Performances und Interventionen. Mit „STADT – RAUM – BEWEGUNG“ kreieren die Studierenden für die Dauer der Ausstellung Eingriffe in den Stadtraum, um so eine Bewusstseinsänderung bei den AnwohnerInnen und BesucherInnen gleichermaßen zu bewirken. Unter anderem entlang der dicht besiedelten Rheinischen Straße im Dortmunder Unionviertel. Die Kunstakademie Münster und Prof. Ullrich waren bereits an der Emscherkunst 2010 beteiligt: künstlerisch gestaltete Bauwagen, die zu einem „Goldenen Dorf“ in Recklinghausen gruppiert waren, wurden zu einem Treffpunkt für junge Kreative.

“Dirty Space” der Landschaft gegen “White Cube” des Museums
Die verborgenen Schatzkammern des öffentlichen Raumes sind unauffällig und versteckt, manchmal sogar mit Stacheldraht und Verbotsschildern versehen. Die so genannten No-Go-Areas sind wichtiger Austragungsort für die Kunst geworden. Bei der Emscherkunst sind es ehemalige Kläranlagen, aufgelassene Brachen oder ein verwilderter Haselnusshain entlang des Radweges: Hier stolpern die BetrachterInnen über die Kunst, werden damit konfrontiert und zur Auseinandersetzung aufgefordert. Erst durch ihre Partizipation wird das Kunstwerk vollendet. Damit entsteht ein öffentlicher Raum als Erzählraum für die Künstlerinnen. Dieser Dirty Space der Stadt/Landschaft als Austragungsort der Kunst steht dem Ausstellungsort des Museums (White Cube) gegenüber. KünstlerInnen, Werk und Publikum treten damit in eine neues Verhältnis – und eine neue Situation, die nicht immer kalkulierbar ist. Genau das möchte Emscherkunst – künstlerische Impulse geben zur Zukunftsgestaltung einer ganzen Region im Wandel.

Weitere Presseinformationen zum Download (Pdf-Format):

Die Künstlerliste der Emscherkunst 2016

Vitae der Kuratoren

Zitate der Kuratoren, Veranstalter und Förderer

 

Hintergrund:
Seit dem Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 begleitet die internationale Ausstellung als Triennale eines der größten Renaturierungsprojekte Europas – den Umbau des Abwasserflusses Emscher hin zu einer natürlichen Flusslandschaft. Bei ihrer Erstauflage im Kulturhauptstadtjahr Europas RUHR.2010 war die Emscherkunst mit 200.000 BesucherInnen das größte Kunstprojekt im öffentlichen Raum des Ruhrgebiets. Im Jahr 2013 kamen bereits 255.000 BesucherInnen zu den temporären Werken des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, des Dänen Tue Greenfort, der Schwedin Elin Wikström oder des Belgiers Hans op de Beeck.

Als Veranstalter kooperieren abermals Emschergenossenschaft, Urbane Künste Ruhr und Regionalverband Ruhr. Das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen fördert wie auch schon 2010 und 2013 die Ausstellung im öffentlichen Raum entlang der Emscher.

2013 wurde die Emscherkunst von den Vereinten Nationen für ihr Engagement bei der Vermittlung des Nachhaltigkeitsgedankens ausgezeichnet und gemeinsam mit dem Generationenprojekt des Emscher-Umbaus als „Beitrag zur UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgewählt.